Fave Canem




Um zu bestimmen, wie „wagemutig“ ein Hund ist, kann man ihn einerseits in verschiedenen Testsituation beobachten und sein Verhalten mit dem anderer Hunde in der selben Situation vergleichen. Man kann zum Beispiel beobachten, wie sich ein Hund in einer für ihn völlig neuen Umgebung verhält. Untersucht er eifrig die einzelnen Elemente seiner neuen Umwelt oder verhält er sich eher passiv und abwartend. So bekommt man ein Maß für die Neugier eines Hundes. 


Versucht man verschiedene Hunde zum Spielen zu animieren, wird man feststellen, dass einzelne Hunde sofort ins Spiel einsteigen, während andere eher zögerlich reagieren oder gar nicht zum Spielen zu bewegen sind. So erhält man Werte für die Verspieltheit. 


Ein weiteres Beispiel ist ein Test in dem der Hund mit einem sich schnell entfernenden Objekt konfrontiert wird. Folgt er ihm ohne zu Zögern, beobachtet er das Objekt und folgt ihm erst später, oder bleibt er ganz passiv? 


Auch diese Beobachtungen sind im Zusammenhang mit dem übergeordneten Persönlichkeitsmerkmal „Wagemut“ interessant. Man hat in verschiedenen Studien an Hunden festgestellt, dass es zwischen Neugier, Verspieltheit und der spontanen Bereitschaft ein bewegtes Objekt zu verfolgen einen engen Zusammenhang gibt. Diese drei Eigenschaften beeinflussen sich gegenseitig und tragen in der Summe zum „Wagemut“, also zum Draufgängertum eines Hundes bei.


Neben solchen Verhaltenstests gibt es eine weitere Möglichkeit, sich der Persönlichkeit von Hunden zu nähern: Man befragt die Besitzer zu dem Verhalten des Hundes in bestimmten Situationen. Dieser Ansatz hat den großen Vorteil, dass man mit relativ geringem Aufwand eine große Zahl von Hunden untersuchen kann.


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Gerrit Stephan, Biologe (B.Sc.), Hundetrainer

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Von Draufgängern und Heimchen:

Ergänzende Infos zum Interview beim WDR

Für die Zuschauer der Sendung "Tiere suchen ein Zuhause" von 21.05.2017 habe ich hier einige ergänzende Infos und Links zum Thema zusammengetragen:

Den Gegenpol zu den „wagemutigen“ Persönlichkeiten jeder untersuchten Gruppe bilden die ausgesprochen vorsichtigen, zurückhaltenden und schüchternen Individuen. In allen bisher unter diesem Aspekt untersuchten Arten und Populationen fand man eine gleichmäßige Verteilung von gemischten Persönlichkeitstypen, also Individuen, die weder eindeutig „Draufgänger“ noch eindeutig „Heimchen“ waren. Für diese gleichmäßige Verteilung hat sich in der wissenschaftlichen Literatur der Begriff „Shyness-Boldness-Kontinuum“ durchgesetzt.

Auch „Aggressivität“ (im Sinne von Aggressionsbereitschaft in Konfliktsituationen) wird in Persönlichkeitstests oder Arbeiten auf Basis von Fragebögen untersucht. Was diesen Punkt anbetrifft, hat man in mehreren Studien an Hunden keinen Zusammenhang zur Shyness-Boldness-Achse beobachtet, zum Beispiel in diese beiden Arbeiten einer Arbeitsgruppe der Universität Stockholm:


Svartberghttp://www.svartbergs.se/pdf/Personality_workingdogs.pdf, Kenth. "Shyness–boldness predicts performance in working dogs." Applied Animal Behaviour Science 79.2 (2002): 157-174.



Svartberg, Kenth. "A comparison of behaviour in test and in everyday life: evidence of three consistent boldness-related personality traits in dogs." Applied Animal Behaviour Science 91.1 (2005): 103-128.




In einer schwedischen Studie von 2005 ging man direkt der Frage nach, in wie weit bestimmte Persönlichkeitsmerkmal beim Hund erblich sind:

Strandberg, Erling, Jenny Jacobsson, and Peter Saetre. "Direct genetic, maternal and litter effects on behaviour in German shepherd dogs in Sweden." Livestock Production Science 93.1 (2005): 33-42.


Hier ergab sich für das übergeordnete Merkmal „Boldness“ ein Heritabilitätswert von 0,27. Dieser Wert fällt in den Bereich der „mittleren Erblichkeit“. Es handelt sich also um ein Merkmal, für das es einerseits eine klar nachweisbare genetische Grundlage gibt, auf dessen Ausprägung die Umwelt aber einen großen Einfluss hat. Um ein echter Draufgänger zu werden muss man also nicht nur die richtigen Anlagen mitbringen, sondern auch noch die richtigen Erfahrungen machen, also vor allem natürlich Erfolge mit dem risikobereiten Verhalten feiern.

Die gleichmäßige Verteilung der Mischformen im Shyness-Boldness-Konitinuum erklärt sich also schlüssig aus einer Überlagerung von verschiedenen genetischen Einflüssen mit individuellen Erfahrungen.

Auch in dieser Arbeit konnte im Übrigen herausgearbeitet werden, dass es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen „Boldness“ und Aggressivität gibt. Die Forscher stellen heraus, dass es möglich ist, gleichzeitig auf hohe Boldness-Werte und niedrige  Aggressivität hin zu züchten.

Dieser Punkt führt uns zu einem weiteren Blickwinkel auf unsere Draufgänger. In der Neurobiologie kommen erbliche Strukturen und durch Lernen gesteuerte Anpassungen zusammen. Hier gibt es kaum direkte Forschung zu unserem konkreten Thema, aber wenn wir uns die von Jaak Panksepp herausgearbeiteten emotionalen Systeme des Säugetiergehirns anschauen, werden wir auch hier in Bezug auf unsere Draufgänger fündig:

Panksepp, Jaak. Affective neuroscience: The foundations of human and animal emotions. Oxford university press, 2004.


Im Gehirn aller Säugetiere finden sich die gleichen, räumlich und physiologisch voneinander zu unterscheidenden emotionalen Systeme: Vereinfacht gesprochen gibt es unterschiedliche Zelltypen und Areale für: Angst, Aggression, Trennungsstress/Panik, Spiel, Sex, mütterliche Fürsorge und.… Als siebtes System nennt Panksepp das sogenannte „Seeking-System“.


In diesem Zellsystem werden genau die Verhaltenselemente gesteuert, die unsere Draufgänger ausmachen. Dieses System motiviert uns zur Auseinandersetzung mit unserer Umwelt, es lässt uns nach den guten und notwendigen Dingen im Leben suchen und belohnt uns mit Erfolgserlebnissen sobald wir sie finden bzw. erreichen. Der entscheidende Neurotransmitter in diesem System ist das Dopamin.

Die Zellen des Seeking-System durchziehen das limbische System und stehen in Verbindung zu den motorischen Zentren, den Belohnungszentren, der Großhirnrinde, (wo bestimmte Situationen mit Erwartungen verknüpft werden) und natürlich den anderen emotionalen Systemen, die einerseits Bedürfnisse vermitteln und im Falle der Angst aber auch hemmenden Einfluss haben können.

Kurz: Das Seeking-System motiviert uns nach Wegen zu suchen unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Und genau das tun unsere Draufgänger sehr intensiv und ohne Vorbehalte. Ihr Seeking-System ist also besonders aktiv, jedenfalls solange es nicht durch schlechte Erfahrungen und daraus erwachsende Ängste gehemmt wird.


Und das bringt mich zu meinem Fazit zu diesem Thema:

Neugier und Umwelterkundung sind die natürlichen Gegenspieler der Angst. Wenn ich also einen Hund habe, der neugierig und verspielt ist und vorbehaltlos auf neue Dinge und Situationen zugeht, dann ist das in erster Linie ein großes Talent und sollte gefördert werden. So ein Hund ist flexibel, anpassungsfähig und meist auch sehr fokussiert und leicht zu motivieren. Für den Hund hat es ausschließlich Vorteile ein Draufgänger zu sein, jedenfalls solange wir gut auf ihn aufpassen und dafür sorgen, dass er sich nicht in Gefahr bringt.


Dass Hunde recht unterschiedliche Persönlichkeiten haben ist eine Beobachtung, für die es zunächst keine Wissenschaft braucht. Alle Menschen, die mit Hunden zusammenleben sind sich in diesem Punkt einig: Hunde haben Persönlichkeit und erinnern uns mit ihren Eigenarten oft auch an bestimmte menschliche Charaktere.

Aber auch die Wissenschaft interessiert sich seit geraumer Zeit für die Persönlichkeitsmerkmale von Tieren und eine wachsende Zahl an Untersuchungen in diesem Bereich wurde an Hunden gemacht.


„Draufgängertum“ ist zunächst kein wissenschaftlicher Fachbegriff, aber es gibt ein übergeordnetes Persönlichkeitsmerkmal, das in der Fachliteratur mit dem englischen Wort „Boldness“ benannt wird, was übersetzt soviel wie „Wagemut“ bedeutet.



Draufgängertum im wissenschaftlichen Sinn hat demnach bei Hunden nichts mit Aggressivität zu tun.


Grundsätzlich stellt sich für die Biologie natürlich die Frage, ob die verschiedenen Ausprägungen in diesem Persönlichkeitsmerkmal eine zufällige Erscheinung sind, oder ob sie einen „Anpassungswert“ haben und somit das Ergebnis eines evolutionären Selektionsvorganges sind. 



Hierzu gibt es Überlegungen, die auf den Modellen der Soziobiologie beruhen:

Wilson, David Sloan, et al. "Shyness and boldness in humans and other animals." Trends in Ecology & Evolution 9.11 (1994): 442-446.




Draufgänger, Heimchen und die Mischformen dazwischen wählen unterschiedliche Verhaltensstrategieen, die jeweils ihre Vor- und Nachteile haben. Ein Draufgänger probiert gerne neue Wege aus, die Probleme des Alltags zu lösen und nimmt dabei gewisse Risiken in Kauf. Solange alles gut läuft, ist er damit natürlich im Vorteil und kann z.B. das Nahrungsangebot seiner Umwelt umfassender nutzen. Aber solche Experimentierfreude geht ja auch schnell mal schief und dann ist der Draufgänger raus aus dem Spiel. Das passiert dem Vorsichtigen nicht und so hat auch diese Strategie ihre Berechtigung. Welche Strategie nun sinnvoller ist, hängt natürlich auch davon ab in welcher Lebenslage man sich gerade befindet:

Ein junger Fuchsrüde riskiert beim Abräumen von Aas von der Autobahn nur sein eigenes Leben. Das Muttertier in der Säugphase riskiert neben ihrem eigenen Leben hingegen auch das Überleben des Nachwuchses. In abgeschwächter Form gilt das natürlich auch z.B. für einen alten, erfahrenen Wolfsrüden, ohne den es die Gruppe schwer hat erfolgreich Welpen aufzuziehen. Dieses Zusammenhänge finden sich auch in einer Persönlichkeitsstudie an Hunden wieder, die eine veterinärmedizinische Arbeitsgruppe der Universität Sydney 2013 veröffentlicht hat:

Starling, Melissa J., et al. "Age, sex and reproductive status affect boldness in dogs." The Veterinary Journal 197.3 (2013): 868-872.

Für uns Menschen ist es allerdings nicht immer leicht mit diesem Typ Hund. Sie sind halt immer auf der Suche nach der nächsten Lücke im System und fragen sich stets „Was ist hier für mich drin?“. Unter all dem vielen Verhalten, dass unsere Draufgänger in ihrer optimistischen Unternehmungslust zeigen, wird natürlich immer mal wieder die ein oder andere Unfug dabei sein.

Wenn wir sie nun aber im Sinne einer strengen Erziehung immer gleich schlechte Erfahrungen mit ihren Ideen machen lassen, dann sind sie irgendwann keine Draufgänger mehr. Dann sind sie in vielen Situationen gehemmt, haben Vorbehalte und probieren insgesamt weniger aus. Ich persönlich fänd das sehr schade und lasse daher meinen Hund das sein, was er eben ist:


Ein sehr neugieriger, experimentierfreudiger, zielstrebiger, lustiger und mich als Trainer gelegentlich auch mal alt aussehen lassender Charakter.


Eine starke Persönlichkeit!



Hier wurden verschiedene Hunderassen und Rassegruppen in Hinblick auf „Wagemut“ als Persönlichkeitsmerkmal untersucht. Es zeigte sich, dass es hier tatsächlich deutliche Unterschiede gibt, die sich mit dem Verwendungszweck der untersuchten Rassegruppen erklären lassen. Retriever haben z.B. in den Tests höhere Boldness-Werte als Vorstehhunderassen. Das passt zum Verwendungszweck: Ein Retriever soll auch in schwierigem Gelände ohne zu zögern losziehen und das geschossene Wild apportieren. Hier sind klar Draufgänger gefragt. Bei den Vorstehenden geht es darum das Wild anzuzeigen. Hier ist es wichtig, sich vorsichtig zu nähern und das Wild nicht vorzeitig aufzuscheuchen. Für diesen Job braucht man also eher zurückhaltende Hunde. Interessanterweise findet man diesen Umstand in den Persönlichkeitstests auch außerhalb des jagdlichen Gebrauchs wieder. Diese rassespezifischen Unterschiede sind ein starkes Indiz auf einen handfesten, genetischen Hintergrund des Shyness-Boldness-Kontinuums. Offensichtlich ist Draufgängertum bzw. Vorsichtigkeit ein Persönlichkeitsmerkmal, auf das die Züchter der verschiedenen Gebrauchshunde mit gezielter Auswahl Einfluss nehmen können. Von daher muss es eine genetische Grundlage für diese Eigenschaften geben.

Alter und Geschlecht wirken sich auf die Shyness-Boldness-Werte von Hunden aus. Junge Hunde sind deutlich risikobereiter und draufgängerischer als alte und Hündinnen sind im Durchschnitt vorsichtiger als Rüden. Dieselbe Studie ergab auch, dass kastrierte Rüden tendenziell niedrigere Boldness-Werte haben als intakte. Vermutlich hat das Geschlechtshormon Testosteron also einen direkten Einfluss auf dieses Persönlichkeitsmerkmal.


Besonders interessant ist das Ergebnis einer weiteren Versuchsreihe dieser Arbeitsgruppe:


Starling, Melissa J., et al. "“Boldness” in the domestic dog differs among breeds and breed groups." Behavioural processes 97 (2013): 53-62.

Bild:

Peter Wadsworth

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